Das Malwerk All articles
Techniken & Wissen

Vergoldet, geflammt, gefasst: Alte Handwerkskunst erobert die Gegenwart zurück

Das Malwerk
Vergoldet, geflammt, gefasst: Alte Handwerkskunst erobert die Gegenwart zurück

Photo: Yair-haklai, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Irgendwann in den Neunzigern und Nullern schien es, als hätten Spachtelmasse und Lackweiß endgültig gesiegt. Traditionelles Handwerk? Klingte nach Katalog und Omas Kommode. Doch seit ein paar Jahren beobachten wir in der Werkstatt und auf Messen eine bemerkenswerte Entwicklung: Junge Kundinnen und Kunden fragen gezielt nach Techniken, die vor hundert Jahren selbstverständlich waren. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie etwas können, das moderne Produkte oft vermissen lassen – Tiefe, Haptik und Langlebigkeit.

Hier sind fünf Techniken, die wir regelmäßig einsetzen oder deren Comeback wir mit Freude verfolgen.

1. Vergoldung: Nicht nur für Barockpaläste

Blattgold hat einen Ruf als dekadent – zu Unrecht. In der modernen Anwendung funktioniert es gerade durch Zurücknahme: ein goldener Rand auf einer Betonvase, eine vergoldete Kante an einem schwarzen Spiegelrahmen, ein einzelnes Blattgold-Akzentfeld an einer sonst nüchternen Wand.

Die Technik selbst ist uralt und erstaunlich bodenständig: Ein Haftmittel wird aufgetragen, dann haucht man die hauchdünnen Goldblätter – oft nur 0,1 Mikrometer dick – mit einem weichen Pinsel auf die Fläche. Wer es edler, aber günstiger mag, greift zu Blattsilber oder Blattkupfer, das im Laufe der Jahre eine lebendige Patina entwickelt.

Unser Tipp: Anfängerfreundliche Vergoldungssets gibt es ab rund 30 Euro. Übe zuerst auf Holzresten, nicht auf der antiken Kommode.

2. Intarsienarbeit: Bilder aus Holz

Intarsien sind gewissermaßen das Puzzle des Holzhandwerks: Verschiedene Hölzer, manchmal auch Perlmutt oder Metall, werden millimetergenau zu Mustern und Bildern zusammengesetzt. Was im Elsass oder in Südtirol jahrhundertelang Handwerkskunst war, erlebt heute eine erstaunliche Renaissance – oft in reduzierter, fast grafischer Form.

Unsere Kollegin im Netzwerk hat kürzlich einen Esstisch gefertigt, dessen Platte aus Eichen- und Nussbaumfurnier ein abstraktes Flussdelta zeigt. Modern, fast skandinavisch – und doch eine Technik, die es seit dem Mittelalter gibt.

Unser Tipp: Furnier lässt sich mit scharfem Cuttermesser und einfachen Schablonen bearbeiten. Wer es lieber sehen als machen will: Die Intarsien-Sammlungen in Bayreuth oder in den Residenzen Süddeutschlands lohnen den Ausflug.

3. Kalkmalerei und Kalkputz: Atmende Wände

Kaum eine Technik passt besser zur aktuellen Nachfrage nach natürlichen Baustoffen. Kalkputz reguliert Feuchtigkeit, wirkt antibakteriell und bekommt mit den Jahren einen Charakter, den kein Dispersionsanstrich je erreicht. In der Kalkmalerei – etwa der klassischen Freskotechnik – wird Pigment in den noch feuchten Putz gearbeitet und wird damit ein Teil der Wand selbst.

Im Wohnkontext sehen wir zunehmend Kalkputz in warmen Erdtönen: Terrakotta, Ocker, gedecktes Salbeigrün. Die leicht unebene Oberfläche fängt das Licht auf eine Weise, die glatte Wände schlicht nicht schaffen.

Unser Tipp: Fürs eigene Zuhause lohnt sich ein Kalkputz-Kompaktkurs, wie ihn viele Handwerkskammern und Bildungswerke anbieten. Für große Flächen aber: Professionelle einweisen lassen, das Material ist eigenwillig.

4. Fassmalerei: Wo Möbel Farbe bekommen

Der Fassmaler – oder die Fassmalerin – ist so etwas wie der Alchemist unter den Handwerkern. Diese Zunft bemalte früher nicht nur Kirchendeckel und Schilder, sondern gab Möbeln, Rahmen und Skulpturen ihr Aussehen: Marmorierung, Holzmaserung in anderen Hölzern imitierend, Lasurtechniken.

Heute fragen wir diese Techniken vor allem für Restaurierungen und für ungewöhnliche Projekte ab: ein Regal, das wie Blei aussehen soll, eine Theke mit Schieferoptik. Die Mittel dazu sind erstaunlich simpel – Lasuren, Schwämme, Federn und vor allem Geduld.

Unser Tipp: Fassmalerei ist ein tolles Hobby für alle, die gern mit Farbe experimentieren. Workshops dazu gibt es bundesweit, etwa an den Volkshochschulen oder bei spezialisierten Ateliers.

5. Kerbschnitzerei: Das Handwerk der langen Linie

Schnitzen ist vielleicht die ursprünglichste aller Techniken: ein Stück Holz, ein Messer, Zeit. Regionale Traditionen wie das Erzgebirgische oder das Berchtesgadener Schnitzhandwerk erleben gerade eine junge Fangemeinde – nicht zuletzt, weil das langsame Arbeiten dem hektischen Alltag etwas Entgegengesetztes bietet.

In der modernen Einrichtung tauchen Schnitzereien oft dezent auf: eine geschnitzte Kante an einer Truhe, ein Ornament auf dem Türrahmen. Weniger ist hier wirklich mehr.

Unser Tipp: Ein Schnitzmesser, Lindenholz und ein Online-Tutorial reichen für den Einstieg völlig. Nach zwei, drei gescheiterten Engeln hat man den Dreh raus – versprochen.

Warum das alles gerade jetzt passiert

Wir glauben, dass hinter diesem Comeback mehr steckt als ein Trend. Menschen, die ihr Umfeld selbst mitgestalten und dabei auf Materialien setzen, die Jahrzehnte überdauern, suchen nach Verlässlichkeit in einer schnelllebigen Zeit. Alte Techniken sind dabei nicht Museumsstücke, sondern Werkzeuge – und Werkzeuge veralten nicht, solange es Hände gibt, die sie führen.

Wenn du Lust bekommen hast, eine dieser Techniken für dein nächstes Projekt zu nutzen: Sprich uns an. Wir erzählen gern, was möglich ist – und manchmal auch, was besser bleibt, wie es ist.

All Articles

Related Articles

42 Stunden, vier Hände und eine alte Eiche: Die Reise eines Stuhls durch unsere Werkstatt

42 Stunden, vier Hände und eine alte Eiche: Die Reise eines Stuhls durch unsere Werkstatt