Nase voll? Von wegen: Der Geruch unserer Werkstatt als unterschätztes Markenzeichen
Photo: Shixart1985, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Es gibt Kunden, die betreten unsere Werkstatt und zuerst die Augen schließen. Kein Scherz. Sie treten über die Schwelle, bleiben kurz stehen und atmen tief ein. Erst danach begrüßen sie uns. Wenn wir fragen, was das soll, kommt meist ein verlegenes Lächeln: „Dieser Geruch. Zu Hause riecht es einfach nicht so.“
Dieser Geruch – das ist keine Nebensache. Das ist vielleicht unser ehrlichstes Markenzeichen.
Eine Duft-Choreografie in vier Akten
Wer mit offener Nase durch unsere Räume geht, erlebt eine kleine Reise. Vorne, an der Hobelbank, dominiert das frisch bearbeitete Holz: Kirschholz süßlich und fast fruchtig, Esche eher neutral und trocken, Nussbaum mit dieser dunklen, erdigen Tiefe, an die kein Raumduft der Welt herankommt. Einen Schritt weiter mischt sich der heiße Leimtopf ein – warm, animalisch, ein bisschen wie eine alte Bibliothek mit Kamin.
Dann die Öle und Wachse, die auf den Arbeitsplatten stehen: Leinöl mit seinem leicht bitteren, grasigen Ton, Bienenwachs süß und vertraut. Und irgendwo darunter, unausweichlich, der Grundton jeder deutschen Handwerkswerkstatt: Späne, Staub, Schmirgelpapier und ein Hauch Maschinenöl. Der Duft von Arbeit, die Spuren hinterlässt.
Was der Geruch mit Kunden macht
Wir glauben längst nicht mehr, dass Kunden sich nur für Preise und Oberflächen interessieren. Studien über Kaufentscheidungen legen nahe, dass Düfte Erinnerungen stärker verankern als Bilder oder Worte. Das erklärt, warum ein Mann Mitte sechzig kürzlich bei uns stand, eine Spanschraube nahm, daran roch – und plötzlich von der Schreinerwerkstatt seines Großvaters in Schwaben erzählte. Fünfzig Jahre später. Eine Spanschraube.
Der Geruch ist für viele Menschen ein Qualitätssiegel. Er sagt: Hier wird tatsächlich gearbeitet, mit echten Materialien, von echten Händen. Ein neutraler Ausstellungsraum riecht nach nichts – und genau das wirkt oft unglaubwürdig.
Der schräge Einfall: Werkstatt-Duft zum Mitnehmen
Irgendwann an einem langen Winterabend – in der Werkstatt riecht es dann besonders intensiv, weil bei Kälte ohnehin weniger gelüftet wird – haben wir den Unfug-Vorschlag gemacht, der uns nicht mehr loslässt: Warum eigentlich nicht einen „Duft der Werkstatt“ als Raumduft oder kleines Souvenir anbieten?
Ein Fläschchen mit dem Wesentlichen: Kirschholzspäne, ein Tropfen Leinöl, eine Spur Bienenwachs, vielleicht ein Hauch von heißem Leim, soweit man das destillieren kann. Als Erinnerung für Kunden, deren Auftrag längst übergeben ist. Als kleines Geschenk für alle, die gern öfter vorbeikommen würden, aber drei Hundert Kilometer entfernt wohnen.
Ob das je real wird? Keine Ahnung. Aber die Idee hat etwas Grundsätzliches berührt: Handwerk ist ein Erlebnis für alle Sinne, und wir machen bislang viel zu wenig daraus.
Was wir daraus lernen
Vielleicht müssen wir gar nichts destillieren. Vielleicht reicht es schon, den Geruch bewusst zu pflegen statt als Selbstverständlichkeit zu behandeln: mit natürlichen Ölen statt chemischer Sprays, mit offenem Holz statt versiegelter Platten, mit dem Leimtopf auf dem Herd, weil es sich einfach richtig anfühlt.
Und beim nächsten Kundenbesuch fragen wir einfach mal, was die Leute riechen, wenn sie hereinkommen. Die Antworten dürften spannender sein als jede Marketingberatung.
Denn eines steht fest: Solange es hier nach Hobelbank und Leimtopf riecht, weiß jeder Besucher sofort, wo er ist. Bei Handwerk. Bei uns. Bei Das Malwerk.