Brotdüft und Brillenputztuch: Drei Tage lang haben wir gelernt, wie man Kunden umgarnet
Photo: Rolf Kranz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Wir dachten eigentlich, wir können das schon: mit Kunden reden, Erwartungen managen, Qualität verkaufen. Schließlich machen wir das seit Jahren – von der ersten Skizze bis zur fertigen Anrichte. Dann haben wir drei Tage lang bei unseren Nachbarn vorbeigeschaut. Beim Bäcker, beim Friseur, beim Optiker. Und wir sind demütiger zurückgekehrt, als wir gegangen sind.
Tag 1, halb sechs: Der Bäcker, der nie etwas verspricht
Olgierd, Bäckermeister mit drei Filialen und einer Stimme wie ein Kieswerk, nimmt um sechs Uhr morgens seinen ersten Kunden an. Ein Stammkunde will ein Tortenrezept aus seiner Kindheit. "Warenkorbfrei", sagt Olgierd trocken, "aber ich probiere was." Kein Versprechen. Eine Probe.
Das ist der erste Aha-Moment: Der Bäcker verkauft nie das fertige Ergebnis, sondern immer den nächsten Schritt. "Die ist heute etwas saftiger geraten" – nicht "die beste Torte der Stadt". Wir dagegen sagen manchmal Dinge wie "das wird wunderschön" und wundern uns dann, wenn die Kundin sich eine andere Schönheit vorgestellt hat.
Zweite Lektion, kostenlos obendrauf: Olgierd kennt von seinen Stammkunden nicht nur die Bestellung, sondern auch die Enkel. Wir kennen von unseren Kunden meist nur die Raummaße. Das lässt sich ändern.
Tag 2: Heike und die Kunst der Vorwarnung
Friseurin Heike aus dem Laden neben dem Hof führt ihr Geschäft seit 22 Jahren. Ihre Spezialität ist eine Fähigkeit, die wir Maler und Tischler schmerzlich vermissen lassen: Sie warnt, bevor es wehtut.
"Frau Behrens, Ihr Haar ist da geschädigt, da würde ich nur eine Nuance gehen, nicht zwei", sagt sie, bevor die Kundin überhaupt etwas bestellt hat. Die Kundin nickt, ist vorbereitet, geht am Ende zufrieden – mit weniger, als sie wollte, aber genau mit dem, was geht.
Bei uns passiert das Gegenteil: Wir schweigen höflich über das Möbel, das akustisch nicht das hergibt, was sich der Kunde erhofft. Oder wir sagen erst bei der Abholung, dass die geölte Fläche in der sonnigen Stube nachdunkeln wird. Heike würde das nie passieren. Sie sagt es vorher, mit Kaffee, in Ruhe.
Unser Fazit des Tages: Erwartungsmanagement ist keine Verkaufsverweigerung, sondern ein Geschenk. Wer weiß, was kommt, dem fällt auch eine leichte Patina nicht negativ auf – bei Heike heißt das "Farbe", bei uns heißt es "Lebendigkeit der Oberfläche". Gleiche Sache, bessere Vorbereitung.
Tag 3: Rüdiger zeigt uns sein Klemmbrett
Der Optiker am Marktplatz ist das genaue Gegenteil unserer Werkstatt: klimatisiert, still, alles leuchtet. Aber sein Ablageklemmbrett ist ein Meisterwerk. Drei Spalten: besprochen, bestellt, abgeholt. Jede Brille hat einen Termin, jeder Termin eine Erinnerung.
Wir haben natürlich auch ein System. Es heißt "ich merk mir das" und funktioniert ungefähr so gut wie ein Leimtopf ohne Deckel im Regen. Rüdigers Klemmbrett kostet ihn nichts, aber seine Kunden wissen jederzeit, wo sie dran sind. Kein Nachfragen, kein "Frau Maier ruft noch mal an" – er ruft an. Der Dienstleister hat den Prozess in der Hand, nicht der Kunde die Geduld.
Und noch etwas ist uns aufgefallen: Rüdiger lässt Kunden die Brillen anfassen. Anprobieren. Vergleichen. Wir hingegen präsentieren Musterplatten hinter Glas und wundern uns, dass Holz als Material nicht ankommt. Seit Donnerstag liegen drei geölte Eichenbretter auf dem Beratungstisch. Zum Fühlen. Verboten ist nichts.
Was wir jetzt anders machen
Vier Dinge haben den Weg aus der Nachbarschaft in unsere Werkstatt gefunden:
- Wir versprechen Schritte, keine Wunder. "Ich zeige Ihnen nächste Woche die erste Musterfläche" statt "das wird toll".
- Wir warnen vorher, nicht nachher. Nachdunkeln, Schwinden, Lieferzeiten – alles kommt auf den Tisch, bevor unterschrieben wird.
- Ein Klemmbrett mit Spalten. Rüdiger darf stolz sein.
- Anfassen erlaubt. Materialien wollen in der Hand liegen, nicht hinter Glas.
Handwerk ist Handwerk – aber Kundschaft ist Handwerk mit Publikum
Das Größte haben wir von Olgierd gelernt, am Ende des dritten Tages, beim letzten Brötchen: "Die Leute kaufen nicht das Brot. Die kaufen, dass sie morgens irgendwo hingehen dürfen, wo man sie kennt."
Ob Friseur, Bäcker, Optiker oder Schreiner – im Kern verkaufen wir alle dasselbe: Verlässlichkeit mit Gesicht. Das Produkt ist der Anlass, das Wiederkehren ist das Geschäft. Unsere Stühle halten hoffentlich länger als Olgierds Laugenstangen. Aber an Kundenführung werden wir noch ein paar Jahre bei ihm üben.
Der nächste Ausflug ist schon geplant: die Buchbinderei zwei Straßen weiter. Angeblich kann die mit Reklamationen umgehen, dass einem die Augen feucht werden. Wir berichten.