Ausleihen statt anschaffen: Der Tag, an dem unsere Abrichthobe zum Leihhaus wurden
Photo: Oleg Bor, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Es begann mit Herrn Brandt aus der Bahnhofstraße. Er stand an einem grauen Dienstagmorgen vor der Werkstatt, hielt ein verschlissenes Regalbrett unter dem Arm und fragte schüchtern, ob er vielleicht, wenn es nicht zu viel Umstände macht, kurz unsere Abrichtmaschine benutzen könnte. Zwanzig Minuten. Er bringe auch gerne was dafür mit.
Wir hätten Nein sagen können. Hätten auf den Versicherungsschutz, die Haftung, die vielen guten Gründe verweisen können. Stattdessen haben wir ihm eine Schutzbrille gegeben, den Anschlag eingestellt und daneben gestanden, während das erste Mal Hobelspäne fielen. Herr Brandt kam eine Woche später mit einer Dose selbstgemachter Pflaumenmarmelade zurück. Und mit der Frage, ob wir nicht grundsätzlich mal über eine Ausleihregelung nachdenken könnten.
Die Idee klingt naiv – bis man sie durchrechnet
Zugegeben: Als wir intern über Toolsharing gesprochen haben, klang es erst mal nach einem Bürokratiefest. Wer haftet bei einem Unfall? Wer zahlt, wenn jemand die Fräse mit einem stumpfen Spannfix verunreinigt? Und wie erklärt man jemandem in zehn Minuten, was man selbst drei Jahre gelernt hat?
Die Lösung war banaler, als wir dachten. Wir haben ein Klemmbrett genommen – ja, dasselbe mit den vielen Kerben – und eine einfache Regelung darauf geschrieben: Einweisung vor der ersten Nutzung, immer. Kaution von 50 Euro, bar oder per Überweisung. Keine Selbstbedienung an der Kreissäge, niemals. Und vor allem: Wir sind dabei. Nicht als Kontrolleure, sondern als die, die nebenstehen, wenn's eng wird.
Die Leihgebühr liegt bei einer symbolischen Summe plus Materialpauschale, wenn Sägeblätter oder Hobelmesser dran glauben müssen. Das deckt die Verschleißkosten. Reicht werden wir davon nicht – aber das war auch nie der Plan.
Was wir dafür zurückbekommen, steht in keiner Bilanz
Nach einem halben Jahr ist der Maschinenpark an zwei Nachmittagen pro Woche quasi öffentlich. Es kommen die üblichen Verdächtigen: Rentner mit Zeit und Ehrgeiz, ein Student, der sich seine erste Werkbank baut, junge Familien, die den Dachboden entmüllen und dabei auf Omas Kommode stoßen.
Und dann passiert das, was niemand bestellt hat. Frau Lindner kommt zum Dekupiersägen, sieht unser Schaufenster-Regal und fragt, ob wir ihr kaputte Flügeltür reparieren könnten. Der Student verbringt seine Mittagspause inzwischen lieber bei uns als im Café und hat einen Bekannten mitgebracht, der Schallplattenregale in Serie fertigt – mit unserem Holz, das sonst als Reste im Ofen landen würde. Herr Brandt? Der hat sich inzwischen als unsere inoffizielle Empfangsdame etabliert und erzählt jedem Neuling mit staunenswerter Ausdauer, wie das hier alles angefangen hat.
Drei feste Aufträge sind aus dem Leihbetrieb entstanden. Vier, wenn man die Tür zählt. Aber ehrlich: Das ist nicht mal der wichtigste Ertrag.
Eine Reparaturkultur wächst nicht im Ladenregal
Das eigentlich Überraschende ist etwas anderes. In der Kleinstadt passiert seit Monaten etwas, das man in der Stadt für unmöglich hält: Dinge werden wieder repariert, statt weggeworfen. Der Stuhl, der seit Jahren wackelt. Die Kiste vom Dachboden. Der Bilderrahmen von der Hochzeit 1974.
Wir glauben fest daran, dass das mit dem Ausleihen zusammenhängt. Wenn Menschen einmal gesehen haben, wie aus einem rauen Brett eine glatte Fläche wird – wenn sie selbst die Maschine geführt haben und das leise Summen des Motors gespürt haben – dann verändern sie ihr Verhältnis zum Material. Sie schauen genauer hin. Sie fragen nach. Und irgendwann sagen sie Sätze wie: "Eigentlich müsste man das mal wieder richtig machen lassen."
Genau da kommen wir ins Spiel. Nicht als Werber, sondern als die Werkstatt um die Ecke, die ohnehin offen hat.
Wo die Grenzen liegen – und warum wir sie jetzt kennen
Natürlich gibt es Grenzen, und wir haben die harte Tour kennengelernt. Ein Kunde wollte eine Leiter ausleihen, um sein Dach zu reparieren – das haben wir abgelehnt, ohne Diskussion. Ein anderer hat versucht, ein beschichtetes Spanplatte-Teil auf unserer Formatkreissäge zu zersägen, was wir im letzten Moment gestoppt haben. Und ja, einmal war ein Hobelmesser nach einem Ausleihtag so hinüber, dass wir einen neuen Satz bestellen mussten – die Kaution hat es gedeckt, das Gespräch danach war trotzdem unangenehm.
Heute gilt: Keine Maschinen, die mehr als drei Sekunden Konzentration brauchen. Keine Arbeiten an Leitern, Dächern oder unter Strom. Und wer sich weigert, die Schutzbrille aufzusetzen, darf gerne wiederkommen, wenn er bereit ist.
Ein Schlusswort für alle, die es nachmachen wollen
Wir sind kein Leihhaus und wollen keins werden. Aber wir sind überzeugt, dass eine offene Werkstatt mehr ist als ein Marketing-Gag. Sie ist ein Stück gelebter Nachbarschaft, ein Gegengift zur Wegwerferei und – ganz nebenbei – die beste Kundengewinnung, die uns je passiert ist.
Wenn Sie also irgendwann mit einem wackeligen Stuhl vor unserer Tür stehen: Die Abrichtmaschine ist frei. Bringen Sie nur Zeit, eine Schutzbrille und – wenn's sein muss – eine Dose Marmelade mit. Herr Brandt hat den Standard gesetzt.