Das Malwerk All articles
Werkstatt-Einblicke

42 Stunden, vier Hände und eine alte Eiche: Die Reise eines Stuhls durch unsere Werkstatt

Das Malwerk
42 Stunden, vier Hände und eine alte Eiche: Die Reise eines Stuhls durch unsere Werkstatt

Photo: carpenter workshop handcrafted wooden chair craftsmanship, via img.freepik.com

Es beginnt meist mit einer Kaffeetasse auf dem Küchentisch. Nicht bei uns in der Werkstatt, sondern beim Kunden. Ein Erbstück, ein Schnappschuss aus einem Magazin, manchmal auch nur eine vage Idee: 'So ähnlich, aber in Eiche, und ohne die ganzen Schnörkel.' Genau hier setzt unsere Arbeit an – und genau dieser Moment ist der Anfang von allem, was ihr hier lesen werdet.

Wir haben beschlossen, mal genauer zu zeigen, was zwischen diesem ersten Gespräch und dem Tag liegt, an dem ein Stück unsere Halle verlässt. Denn die meisten sehen nur das Ergebnis. Den Stuhl, die Bank, das restaurierte Sideboard. Was dahintersteckt, bleibt oft im Verborgenen – zu Unrecht, wie wir finden.

Die Skizze: Wo alles seinen Platz findet

Die erste Phase ist eine, die man von außen kaum als Arbeit erkennt. Sie sieht aus wie Kaffeetrinken und Blättern. In Wahrheit passiert hier das Wichtigste: Wir hören zu. Welches Raumgefühl soll das Stück erzeugen? Wo steht es, wer nutzt es, wie oft?

Danach folgen die ersten Skizzen – bei uns meist noch von Hand, mit weichem Bleistift auf skizziertem Papier. Die erste Zeichnung ist fast immer falsch, und das ist gut so. Sie zeigt uns, was der Kunde nicht will. Erst die dritte oder vierte Variante trifft ins Schwarze. Bei unserem Beispiel-Stuhl, einer schlichten Esszimmersitzgelegenheit mit leicht geschwungenen Lehren, brauchten wir fünf Anläufe. Bei der fünften Version legte die Kundin die Hand auf das Papier und sagte: 'Das ist es.'

Die Materialfrage: Holz hat Charakter

Wer glaubt, Holz sei Holz, hat noch nie eine Bretterwand im Lager gestrichen. Dieselbe Eiche aus zwei verschiedenen Fässern kann sich völlig unterschiedlich verhalten: die eine Maserung ruhig und gleichmäßig, die andere wild und lebendig, mit kleinen Ästern, die Geschichten erzählen.

Für unseren Stuhl entschieden wir uns für baltische Eiche, getrocknet und gelagert, damit das Material später nicht arbeitet. Unsere Tischlerin Elke nimmt sich für jedes Projekt Zeit beim Aussuchen – sie dreht die Bretter, hält sie gegen das Licht, klopft dagegen. 'Das Holz sagt dir schon, was es werden will', sagt sie. Wir glauben ihr das.

Die Werkbank: Handwerk mit Geduld

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Aus dem rohen Material entstehen Zapfen und Schlitzverbindungen, die ohne einen einzigen Metallnagel halten – eine Technik, die seit Jahrhunderten funktioniert. Die Leimung erfolgt in Etappen, jede Verleimung braucht ihre Zeit zum Aushärten. In unserer Werkstatt heißt das: Zwischen den Arbeitsschritten liegt oft Wartezeit, die wir für andere Projekte nutzen.

Die Sitzfläche wird gehobelt und geschliffen, in immer feineren Körnungen, bis das Holz unter den Fingern wie Samt anfühlt. Danach folgt die Oberflächenbehandlung: Bei diesem Projekt entschieden wir uns für eine natürliche Öl-Wachs-Kombination, die die Maserung betont, ohne sie zu verdecken. Drei Schichten, jede zwischengeschliffen, jede getrocknet.

Der letzte Schliff und die Übergabe

Nach insgesamt rund 42 Arbeitsstunden – plus Trockenzeiten – steht er da: der Stuhl. Er ist nicht perfekt im industriellen Sinne. Es gibt keine zwei identischen Maserungen, keine millimetergleichen Lehren. Aber genau das ist der Punkt. Maschinen produzieren Duplikate. Hände erschaffen Charakter.

Bei der Übergabe läuft uns manchmal ein Lächeln über das Gesicht, wenn Kunden ihr neues Stück zum ersten Mal berühren und kurz still werden. In diesem Moment verstehen wir wieder, warum wir diesen Beruf gewählt haben.

Ein Stück Heimat für dein Zuhause

Wenn du selbst ein Projekt im Kopf hast – ob Restaurierung, Neuanfertigung oder etwas dazwischen –, schreib uns. Wir nehmen uns Zeit für dein Vorhaben, ganz ohne Verkaufsdruck. Denn gute Dinge brauchen keinen Zeitdruck, nur die richtigen Hände und ein bisschen Geduld.

All Articles

Related Articles

Vergoldet, geflammt, gefasst: Alte Handwerkskunst erobert die Gegenwart zurück

Vergoldet, geflammt, gefasst: Alte Handwerkskunst erobert die Gegenwart zurück