Skizzenbuch-Geheimnisse: Was im Januar entsteht, wenn die Maschinen schweigen
Photo: Bessie Beebe, Public domain, via Wikimedia Commons
Es gibt diesen einen Moment zwischen Silvester und dem ersten Frühlingsauftrag, in dem die Werkstatt einen anderen Klang hat. Die Hobelmaschine läuft seltener, der Staub senkt sich langsamer, und statt Spänen riecht es plötzlich nach Kaffee und Bleistiftminen. Für Außenstehende sieht das nach Flaute aus. Für uns ist es die produktivste Zeit des Jahres.
Wenn das Telefon leise wird, wird der Kopf laut
Im Sommer fliegen uns die Anfragen nur so zu: Terrassendielen, Maßküchen, die Renovierung des Altbaus in der Altstadt. Da bleibt für das Nachdenken wenig Raum – Entwürfe entstehen im Vorbeigehen, zwischen zwei Kundengesprächen. Im Januar dagegen haben wir etwas, das im Handwerk fast schon ein Luxusgut ist: Zeit zum Zweiten-Denken.
Genau deshalb liegt auf unserer großen Werkbank im Januar kein Holz, sondern Papier. Skizzen, Studien, halbfertige Ideen, die den ganzen Herbst über in der Schublade warteten. Was im Sommer eine flüchtige Bleistiftlinie war, wird jetzt ausformuliert, verworfen, neu gedacht.
Das geheime Januar-Skizzenbuch
Seit Jahren führen wir ein Ritual, über das sonst niemand spricht: das Januar-Skizzenbuch. Ein schlichtes, kariertes Heft, in das jedes Jahr die zwölf wildesten Ideen wandern, die uns durch den Kopf gehen. Manche davon bleiben Fantasie – die schwebende Bücherwand aus Altholz zum Beispiel, an der wir seit drei Wintern gelegentlich herumdoktern. Andere werden Realität, wenn wir es am wenigsten erwarten.
Der Stuhl mit dem geflochtenen Sitz aus Weidenruten? Stand erstmals im Januar-Skizzenbuch von 2021, zwischen zwei Kritzeleien und einem Einkaufszettel. Heute steht er bei einer Kundin in Leipzig und ist unser meistfotografiertes Stück.
Modellbau als Wintertraining
Wer im Sommer keine Zeit hat, im Winter umso mehr: Januar ist bei uns Modellbauzeit. Aus Kiefern- und Lindensperrholz entstehen kleine Studienmodelle im Maßstab 1:5 – Verbindungen, die wir noch nie gebaut haben, Kanten und Rundungen, die sich auf Papier nur schwer erdenken lassen. Die Finger lernen schneller als der Kopf, das sagt schon der alte Meisterwahn.
Besonders spannend sind die Experimente an unerprobten Techniken. In diesem Winter: Schablonierarbeiten mit Kaseinfarben, eine Fassungstechnik, die wir sonst nur aus der Denkmalpflege kennen. Dazu Färbeproben an heimischer Esche, weil wir wissen wollen, wie sich das Holz in zehn Jahren verfärbt – nicht in zehn Tagen. Solche Fragen lassen sich nicht zwischen Tür und Angel beantworten. Dafür braucht es einen Vormittag, einen heißen Tee und die Geduld, die der Januar uns schenkt.
Die kreative Pause als Prinzip
Wir wissen, wie das klingt: In einer Branche, in der jeder Euro Auftragsvolumen zählt, ein Loblied auf die Auftragsflaute zu singen, wirkt fast schon frech. Aber die Rechnung geht auf. Die Entwürfe, die im Januar entstehen, sind die Aufträge des nächsten Sommers. Die Techniken, die wir im Winter im Stillen üben, sind die Argumente, mit denen wir im Herbst überzeugen. Wer nur produziert, entwickelt sich nicht weiter – und ein Handwerksbetrieb, der sich nicht weiterentwickelt, ist auf Dauer nur noch eine Fabrik mit gemütlicher Einrichtung.
Also: Wenn Sie im Januar an unserer Werkstatt vorbeikommen und durch das Fenster nur zwei Gestalten über Skizzen brüten sehen – keine Sorge. Wir arbeiten. Wir arbeiten nur an dem, was noch niemand bestellen konnte, weil es noch niemand kennt.
Und falls Sie neugierig geworden sind: Das Januar-Skizzenbuch liegt immer offen auf dem Klemmbrett neben der Kaffeemaschine. Ein Blick hinein lohnt sich – manchmal steht dort die Idee, die Ihr Wohnzimmer nächsten Winter verändern wird.